Das Alter Rahrbachs
Mitten im Dorf die alte Kirche, hoch über der Straße. Um sie
herum in ihrem Frieden und ihrem Schutz die Häuser und
Gehöfte, neue aus unserer Zeit und jahrhundertealte Fachwerk-
bauten aus den Tagen der Väter. Wie lange mag diese Kirche
hier stehen, wie lange Häuser am nämlichen Platz? Wie lange
überhaupt mögen Menschen hier wohnen an Hang und Tal? Das
sind die Fragen, die eine Antwort heischen. Aber die Rahrbacher
Erde schweigt. Noch nie hat sich ein altes Grab aufgetan, nie
wurden Scherben gefunden oder Waffen, die uns eine Antwort
geben könnten auf die neugierige Frage, wer vor uns hier
gelebt. Rahrbach hat keine Archäologie.
Doch wo die Erde schweigt, muss die Sprache gefragt werden. Und sie beginnt zu
antworten. Wir hören zum ersten Mal von unserem Dorf im sogenannten liber valoris.
Das ist ein Schätzbuch, eine Steuerliste, die die
Kölner Kurfürsten anlegen ließen von 1310 bis
1316. Damals hießt es Rurbeke. Und dieser Name
bringt uns auf eine Spur, die zum Alter der
Siedlung führt. Um sie zu finden, müssen wir nur
das Wort in seine Bestandteile zerlegen. Die eine
Hälfte kennen wir alle. Es ist ein altsächsisches
Wort, das heute noch lebt. Beke nennt man im
Dialekt immer noch den Bach.
Aber was heißt „Rur“? Um das zu verstehen,
müssen wir in der Geschichte Rahrbachs noch ein Stück weiter zurückforschen. „Ruhr“
ist kein germanisches Wort mehr. Wir finden es aber in der keltischen Sprache. Dort
bezeichnet man damit das Schnellfließende, den Strom, den Bergbach. Die Kelten sind
schon lange fort, vom Sturmwind der Geschichte bereits vor Christus vertrieben
worden. Aber ihre Denkmäler haben sie uns hinterlassen im Schoß der Erde, in alten
Wallburgen und Königsgräbern, in den Ruinen ihrer Städte wie in meinem Heimatkreis
Leobschütz, Oberschlesien. Und ihr geschichtliches Dasein lebt weiter in manch einem
Fluss – oder Flurnamen.
Die erste Hälfte unseres Dorfnamens ist eine solche Erinnerung an sie. Wir finden ihre
Wurzel, wie die vergleichende Sprachwissenschaft lehrt, auch in anderen Flussnamen,
in Rhein, Rhone, im Griechischen Wort rheein = fließen, ja, im deutschen Wort Strom.
Ein Zeichen dafür, dass alle diese Sprachen auf einen gemeinsamen Ursprung
hinführen und auf ein einziges Volk, die Indogermanen. Vermögen wir dies uralte Wort
nicht mehr herauszuhören aus unserem jetzigen
„Aufruhr“ oder „sich rühren“? Bevor die Germanen
kamen, haben also Kelten an Bach und Hang
gesiedelt.
Bei ihrer Vertreibung werden einige wenige hier
zurückgeblieben sein, vielleicht freiwillig oder als
kriegsgefangene Sklaven. Von ihnen hörten die
Eindringlinge, dass sie den Bach „Ruhr“ nannten.
Sie wussten nicht, dass das „Bergbach“ hieß und
hängten ihr Wort „becke“ noch dran. Sie bildeten
damit einen Pleonasmus: Bach – Bach. Wir dürfen uns für jene frühe Zeit allerdings
keine geschlossene Dorfsiedlung vorstellen. Es mag nur einzelne verstreute Gehöfte
gegeben haben.
Genauso dünn wie unter den Kelten blieb in unserem Tal die Besiedlung unter den
Germanen. Die Heimatchronik des Kreises Olpe bemerkt dazu: „zwar machen einige
altertümliche Flussnamen wahrscheinlich, dass einige ältere Siedlungen vorhanden
waren. Doch können es nur wenige Höfe gewesen sein. Einige wenige Höfe rückten zu
Hofgruppen zusammen an günstigsten Stellen. Sauerländer Dörfer haben sich erst im
Spätmittelalter durch Gutsteilung entwickelt.“ Anton Runte vermutete in seinen
Aufzeichnungen zur Heimatkunde, dass unser Gebiet zum Hungau gehörte, in dem 10
Familien eine Thingstätte bildeten. Der uralte Friggenstaul am Engelsberg, früher
Eggelsberg, weise darauf hin. Runtes Meinung ist von Hömberg widerlegt worden.
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